Bedeutung und Komputationelle Metapsychologie

Im August 2015 bin ich durch das „Chaos Communication Camp“ voll auf den Geschmack der deutschen „Komputationellen Querdenkerszene“ gekommen. Das habe ich gerade als einen Oberbegriff fĂŒr eine mir sehr sympathische Gruppe von Menschen erfunden, die sich hauptsĂ€chlich ĂŒber zwei Merkmale definieren:

  1. AllgegenwĂ€rtige VerfĂŒgbarkeit von technischer Kompetenz (bzw. klar definierten WissenslĂŒcken) mit hoher Bereitschaft zum Austausch und
  2. die Aufrechterhaltung einer Wir-Machen-Das-Einfach AtmosphĂ€re, auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens (Von Internet fĂŒr Asylheime, ĂŒber eine Eierkuchenmaschine, bis hin zu einer Textilanalogie fĂŒr den Grundaufbau des Universums).

Man nennt sie auch „Hacker“.

Computational Meta-Psychology

Ein gutes Beispiel fĂŒr diese Herangehensweise ist ein sehr hackiger Talk von Joscha Bach, den ich auf dem 32C3 in Hamburg gehört habe: Er trug den Titel „Computational Meta-Psychology“. Um das einmal schnell zu dechiffrieren: Metapsychologie ist die Untersuchung der inneren ZusammenhĂ€nge psychologischer PhĂ€nomene. Die ErlĂ€uterung der Bedeutung von „Computational“ in diesem Zusammenhang war auch ein wichtiger Teil des Vortrages. Der SchlĂŒsselsatz ist folgender:

„Es ist möglich, abstrakte Modelle schwach determiniert und assoziativ zu beschreiben. Im Sinne, von ‚wenn Zustand A eintritt und Bedingung B wahr ist, dann ist es gut möglich, dass Zustand C eintritt.‘ Auf der anderen Seite kann man stark determinierte Modelle erstellen, die deterministisch sagen: ‚Genau dann wenn sich das System in Zustand A befindet, und Bedingung B wahr ist, erfolgt der Übergang in Zustand C‘. Das ist, was wir einen Algorithmus nennen, und genau dann befinden wir uns in der DomĂ€ne des Computing.“

„Computational“ lĂ€sst sich also sehr gut ĂŒbersetzen mit „berechenbar“. Es geht um die Berechenbarkeit der Psychologie.

Der sehr kurze neurowissenschaftliche Teil, der im engeren Sinne nicht neurowissenschaftlich ist

Das Kernproblem ist: Wie kann man Dinge lernen und vergessen? Wie kann man eine Seite Code lesen, deren Inhalt verstehen und eine Woche spĂ€ter vergessen haben, wo doch die Physiologie des Gehirns recht statisch ist (beim Lernen wachsen keine neuen Neuronen)? Er beschreibt so genannte „Cortical Columns“ als die „Legosteine“, die das Gehirn zur Verarbeitung eines bestimmten Inputs heranzieht. (Diesen Wikipediaartikel gibt es leider noch nicht auf Deutsch). Danach postuliert er einige recht arbitrare, informatisch angehauchte Annahmen, wie diese Strukturen Nachrichten verarbeiten und austauschen. Er legitimiert diese sehr unneurologischen Interpretationen mit der Aussage, die ForschungsansĂ€tze der Neurowissenschaften seien Äquivalent dazu, das Fliegen verstehen zu wollen, indem man Vögel durch ein Mikroskop betrachtet. Autsch.

Dann beschreibt er KreativitĂ€t als einen Zustand, in dem ĂŒberdurchschnittlich viele „Konzepte“, reprĂ€sentiert durch kortikale SĂ€ulen, sich in einem s.g. „wahrscheinlich-wahr“-Zustand befinden, da eine bestimmte Ausgangswahrscheinlichkeit fĂŒr alle Konzepte, der s.g. „Hyperparameter“, sehr hoch gesetzt sei. Dies sei außerdem der Zustand, in den das Gehirn beim TrĂ€umen ĂŒbergeht – das Gehirn setzt den Hyperparameter niedrig, um den Konzeptraum nach möglichen unerkannten Verbindungen zu „durchforsten“. Ein Konzept ist in diesem Fall ein Glaube, ein bestimmtes Modell zur Lösung eines bestimmten Problems.

Die Motivation zur Lösung bestimmter Probleme entsteht hierbei durch ein Metasystem, welches bestimmte invariante BedĂŒrfnisse gegen einen Sollwert vergleicht, und fĂŒr die Verbesserung des Ist-Wertes mit Hilfe von Dopamin eine Belohnung ankĂŒndigt. Sobald eine Änderung des Ist-Wertes in Richtung des Soll-Wertes statt findet, wird die Belohnnung in Form von Serotonin freigesetzt.

Bedeutung

Die Quelle subjektiver „Bedeutung“ ist jedoch ein virtuelles Belohnungssystem, determiniert durch gesellschaftliche Werte, welches Menschen dazu veranlasst, bestimmte Verhaltensweisen den persönlichen BedĂŒrfnissen ĂŒbergeordnet zu priorisieren. Die „Belohnung“ ist hierbei eine mehr oder weniger imaginĂ€re Anerkennung, durch mehr oder weniger imaginĂ€re gesellschaftliche AutoritĂ€ten. Interessanterweise ist dies evolutionĂ€r höchst vorteilhaft, da erst so soziales Lernen ĂŒberhaupt möglich wird: Man adaptiert eine bestimmte Verhaltensweise, weil bestimmte anerkannte Persönlichkeiten (Eltrern/Freunde/Lehrer) diese im Sinne gesellschaftlicher Werte empfehlen.

Die negative Auswirkung dieser menschlichen FĂ€higkeit ist natĂŒrlich die Tatsache, dass AutoritĂ€tspersonen ihre Rolle missbrauchen, und gesellschaftliche Werte so programmieren können dass „Bedeutung“ auf indirektem Weg lediglich die Maximierung ihres eigenen Wohlbefindens ist. So entsteht institutionalisierte Religion. Joscha geht sogar soweit, Religion als einen „Gehirnvirus“ zu bezeichnen.

Bei aller Religionskritik jedoch macht Joscha eine weitere Bemerkung: Er differenziert zwischen objektiver und subjektiver Bedeutung. Die subjektive Bedeutung ist, wie oben dargestellt, eine Projektion von Werten, ermĂ€chtigt durch AutoritĂ€tsfiguren. Bei Aller Relativierung dieser befindet sich Joscha jedoch in einer ZwickmĂŒhle, da sein Chef, der Vorsitzende des Instituts fĂŒr evolutionĂ€re Dynamik am MIT, Martin Nowak, folgendes sagt:

„Bedeutung kann ohne Gott nicht existieren: Man ist entweder religiös, oder ein Nihilist.“

Um seine eigene, höchst negative Darstellung von Religion nun mit der existenzellen Darstellung seines Chefs vereinigen zu können, differenziert Joscha also zwischen subjektiver und objektiver Bedeutung. Aber woher soll diese objektive Bedeutung kommen?

Um sich dieser Frage zu nÀhern, unterscheidet Joscha zwischen vier Arten von Göttern:

  1. Der s.g. „institutionelle Gott“. Derjenige, den Atheisten typischerweise angreifen, einfach weil er natĂŒrlich sehr viel AngriffsflĂ€che bietet (persönlich, aktiv, Masturbation verbietend).
  2. Der „spirituelle Gott“. Dieser ist nicht institutionell, jedoch immernoch transzendent, persönlich und selbstbewusst.
  3. Der „transzendente Gott“. Dieser ist der Gott, den Thomas von Aquin entdeckte. Er ist die Ursache fĂŒr das Universum; ein Prinzip, das fordert, dass etwas existiert. Dieser Gott stellt eine Frage, und das Universum ist die Antwort. Wir kennen allerdings nicht die genaue Frage, sie ist jedoch Ă€quivalent zur objektiven Bedeutung des Universums.
  4. „Gott als unbewegter Beweger“. Der Gott von Aristoteles. Joscha fasst dies in modernen Worten als „die primĂ€re komputationelle Transitionsfunktion des Universums“ zusammen. Das finde ich ĂŒbrigens auch sehr interessant im Zusammenhang mit dem Kognitionstheoretischen Modell des Universums, welches das Universum als Sprache beschreibt, und „Gott“ als die Grammatik dieser Sprache.

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